2018

Vorheriges Jahr

Rainhard Fendrich ist ein wachsamer Zeitgenosse geblieben. Seine Kunst, das Liedschreiben, begreift er als Spiegel der Zeit. Er denkt sich nichts aus, sondern singt über Geschehnisse, die um ihn herum passieren.

Den Anspruch, Lösungsvorschläge anzubieten, erhebt er dabei freilich nicht. Die reichlich gesäten Denkanstöße, die in seinen Songs zu finden sind, hält er hingegen für ein probates Mittel, die Zeichen der Zeit zu deuten. Folgerichtig, denn der Mann aus Wien wuchs in einer Musikepoche auf, in der die ganz Großen der Singer-Songwriter-Zunft das Zepter in Künstler-Händen hielten: Cat Stevens, Paul Simon, Billy Joel. Deren Ansprüche, unterhaltend Herzen zu erreichen und gleichsam mit sozialer Antenne zu beobachten, gingen dem jungen Fendrich ins Blut über.

Natürlich hat der Wiener längst seine ureigene Sprache, seine eigene Song-Hofburg gebaut - um im Bilde zu bleiben. Beinahe jedes seiner seit 1980 in schöner Regelmäßigkeit erschienenen Alben wurde in Gold gegossen. Sie enthalten allesamt Aphorismen von bleibendem Unterhaltungs- und Bildungswert, die Fendrich längst ins kollektive, deutschsprachige Musikgedächtnis gemeißelt hat.

Wachsamkeit bedeutet für Rainhard Fendrich auch, beweglich zu bleiben. Und so kam zum Jahreswechsel 2017/2018 alles anders als geplant. Eigentlich wollte er in diesem Mai ein neues Studioalbum veröffentlichen. Aber seine Sichtung von Plakaten, die in der Wiener Innenstadt hingen, warf alle Pläne um. „Auf den Plakaten war ein Kind zu sehen und dazu stand geschrieben: ‚Wenn ich groß bin werde ich arm‘. Ich dachte zuerst, es handele sich um ein Filmplakat oder um die Bekanntmachung eines Theaterstücks. Aber bei näherer Betrachtung stellte ich fest, dass es von der österreichischen Volkshilfe stammt. Die möchte mit diesen Plakaten darauf aufmerksam machen, dass es in Österreich rund 300.000 Kinder gibt, die von Armut bedroht sind“, erinnert sich Fendrich. „Diese Kinder können nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, sie können keine Freunde nachhause einladen. Und ihre Eltern hungern zum Teil, um ihren Kindern Kleidung kaufen zu können, die sie in der Schule nicht verdächtig macht. Das hat mich berührt, weil Österreich weltweit als eins der Länder mit der höchsten Lebensqualität gilt. Dass es in unserem Land, genauso wie in Deutschland, Kinderarmut gibt, die aber gut versteckt wird, finde ich inakzeptabel. Dieses Gefühl hat mich dazu bewogen, etwas dagegen zu unternehmen.“

Gefühlt, artikuliert, getan. Das geplante Studioalbum wurde kurzerhand hintenangestellt. Stattdessen beraumte Rainhard Fendrich drei Konzerte an, am 3. April im Salzburger Congress, am 4. April im Grazer Orpheum und am 5. April im Wiener Museumsquartier. Deren Reinerlöse flossen konsequent zu hundert Prozent aufs Konto der Volkshilfe. Es waren Wunschkonzerte, deren Programmabläufe von den unzähligen Fendrich-Fans vorab übers Internet teils mitbestimmt werden konnten.

„Für immer a Wiener“, das neue Fendrich-Live-Album enthält Mitschnitte der drei Konzerte, die mit ganz besonderen Arrangements bekannter, lange nicht mehr gespielten und nur ganz selten live erlebten Songs aus Fendrichs beachtlichem Kanon aufwarteten. Es waren keine Abende voller Betroffenheit, die Fendrich und sein ausgewähltes Ensemble auf die Bühnen brachten. Stattdessen wurde dem Unterhaltungswert Priorität eingeräumt, in den freilich auch die kritischen Töne einflossen, für die Fendrich genauso steht wie für ausgesucht schöne Musik, die an die Hand nimmt, mitreißt und in ihrer Feinmotorik unmittelbar das Herz erreicht.

Stromlosigkeit ist das Gebot der Stunde auf „Für immer a Wiener“. Kunstvolle Stromlosigkeit, wohlgemerkt. Nur Gitarre und Klavier gab's von ihm schon mal, vor ein paar Jahren. In Clubs. Diesmal sind zwei akustische Gitarren, ein akustischer Bass, Saxophon, Klarinette, Querflöte, Percussion, Piano und Akkordeon zu hören - letzteres gespielt von Krzysztof Dobrek, einem der weltbesten Akkordeonisten. Das daraus entstandene, hier und da fast schon orchestrale Klangbild verleiht Fendrichs Songs anno 2018 eine auf die melodischen Essenzen konzentrierte Anmutung, die gleichzeitig funkelnd neu und groß klingt. „Natürlich war dabei alles eine Frage des Arrangements“, sagt Fendrich. „In den 80ern arbeitete ich viel mit Synthesizern und Sequenzern. Die Aufgabe bestand darin, meine Songs wieder da ankommen zu lassen, woraus sie sich speisen, nämlich aus Melodien und Texten. Sie mit den zeitlosen Sounds klassisch-akustischer Instrumente wieder- und anderserlebbar zu gestalten, hat mir große Freude bereitet. Sie erwiesen sich dem Rahmen, in dem die Konzerte stattfanden, auch würdig, wie ich finde."

Das Live-Album „Für immer a Wiener“ wird von einem ausdrucksstraken Sopran-Saxophon in „Löwin und Lamm“ angeführt. „Sonnenuntergänge“ von Fendrichs zweitem Studioalbum, reicht bis ins Jahr 1981 zurück. „Der Drache“, ein Song, der eine Vater-Sohn-Beziehung beschreibt, wurde speziell fürs neue Live-Album zum zweiten Mal überhaupt vor Publikum aufgeführt. „Kein schöner Land“, um den charakteristischen Klang des Akkordeon erweitert, geht unter die Haut. „Brüder“ bleibt auch im akustischen Gewand eine Uptempo-Nummer. Die Evergreen-Bestimmung von „Wien bei Nacht“ wird, von zwei Gitarren, Piano, Bass und Percussion unterstützt, noch mal in den Vordergrund gerückt. „Schickeria“ beantwortet nicht die Frage, ob die Schulterpolster der 80er-Jahre geschlossen in die Politik gegangen sind. Aber der Fendrich-Klassiker über die so genannte Spaßgesellschaft unterhält, flankiert von Saxophon und Ziehharmonika, ungebrochen auf höchstem Niveau. Mit fantastischen Chor-Sätzen, in denen sich Fendrichs Verehrung für die Eagles und die Little River Band manifestiert, wartet das akustische Fendrich-Ensemble in „Tränen trocknen schnell“ auf. „Die Liebe bleibt immer ein Kind“ ist ein ganz neuer, zu Herzen gehender Song, der auf „Für immer a Wiener“ seine Premiere feiert. „Tausend Jahre haben nichts gelehrt, Hunger, Armut als Beweis, und Kinder in der Seele früh versehrt“, singt Rainhard Fendrich darin und unterstreicht damit einmal mehr, dass er nach bald 40 Jahren Karriere ein Mitfühlender geblieben ist. Einer, der Unterhaltung mit Haltung verbindet. „Für immer a Wiener“ bleibt er sowieso.

Der Reinerlös vom Verkauf des neuen Live-Albums wird zur Gänze zur Bekämpfung der Kinderarmut verwendet.